Texte

FLUG_SICHT - Zeichnung - Fotografie
JOHANNA HELBLING-FELIX  im Toni-Merz-Museum

26. September bis 30. Oktober 2011


Einführungsrede von Simone Demandt :
 

Mit Google-Earth kann jeder von uns in Ruhe – auf dem Sofa sitzend, einen
Aperol neben sich – die Welt überfliegen:

Man kann Gebirgszonen, Eisenbahnknotenpunkte, Südseestrände, Favelas um Rio und bizarre neue Städte im Meer mit einer Fingerbewegung näher ranholen, weiter weg klicken, pseudoperspektivisch, mit und ohne Straßennamen, mit und ohne Landesgrenzen usw. Mit einer Mischung aus Faszination und Voyeurismus kann der sofa-softe, störungsfreie Überflug beschleunigt oder verlangsamt werden.

Doch der virtuelle Flug kann mit einem realen Flug nicht verglichen werden. Erstaunlich ist aber, dass eine reale Reise überkommende Methode des Entdeckens zu werden scheint.

Marshall McLuhan attestierte 1964 in „Die magischen Kanäle – Understanding Media“ dem Flugreisenden Passivität, obwohl dieser ja streng genommen körperlich in Bewegung ist. Er schrieb: „Mit Reiseschecks, einem Pass und einer Zahnbürste gehört ihm die Welt“. Heute würde McLuhan sagen: „mit Laptop in Socken auf dem Sofa gehört ihm die Welt“.

Die Gefahr besteht also, dass das reale Reisen nicht mehr einer Entdeckung, sondern einer Wiederholung gleichkommt, da ja alles schon gesehen vermeintlich erlebt wurde. Und: Dank Google Earth und seiner hoch auflösenden Satellitenbilder scannen Wissenschaftler von ihren Schreibtischen aus eine Fläche von vielen hundert bis tausend Quadratkilometern und stoßen so auf Areale mit archäologischem Erbe, das mehrere tausend Jahre alt sein könnte. So kann auf eine kostspielige Recherchereise per Flugzeug verzichtet werden.

Der reale Überflug von in- und ausländischen Gebieten und Geländen mit einem konzentrierten Entdeckerblick war lange ein grosses Privileg für die Künstlerin Johanna Helbling-Felix. Mit ihrem Mann Werner Felix überflog und überfliegt die ausgebildete Segelfliegerin seit 1989 in einer Piper Deutschland, Österreich, Schweden und Dänemark - auf ihren Knien: Kamera und Zeichenblock.

Der Titel ihrer Werkgruppen z.B. Flug der Schatten, Azorenhoch und Islandtief, Flug des Rheins und Heimflug spiegeln die intensive, körperliche und visuelle Sehnsucht der Künstlerin nach Fliegen wieder, nach hautnahem , realem Erleben von Wind, Kälte, Geräusche, nach dem Schwanken der Horizontlinie und dem kurzen Schaudern bei Turbulenzen.Sie möchte den Luftraum zwischen Erdoberfläche und ihrem Flugzeug körperlich spüren.

Johanna Helbling-Felix transformiert das apparativ Festgehaltene in Gestik und deren Spuren: Die in die Erdoberfläche tätowierten Industrieareale mit ihren Zufahrtsstraßen oder die großen und kleinen landwirtschaftlichen Nutzflächen sieht sie als Zeichnerin. Aber sie sieht  - am Boden oft und mit Recht missmutig geduldete – Zersiedelungen nicht als Störung, sondern als Ornament, d.h. als Formenkonglomerate und Lineamente.

Die Künstlerin wirft aber immer einen zärtlichen Blick auf die Erde, keinen nüchtern-sachlichen und auch nicht den, der die Spuren der Zivilisation sinnbildlich festhalten will. Sie fotografiert (und zeichnet), sozusagen „über Ort“ und hat sich auf diese Weise ein gigantisches Archiv an Diapositiven mit unterschiedlichsten Ansichten der Erdoberfläche aufgebaut. Obwohl sie sagt, sie habe keine Mission, ist jene, die gesamte Welt erfassende Google-Earth-Sichtweise in einen inhaltlichen Bezug zu Johanna Helbling-Felix´s Werk zu stellen und umgekehrt.

Scheint die Annäherung an das Werk von Johanna Helbling-Felix durch die in den letzten Jahren entstandene, digitale Vollverwertung leichter zu fallen ? Oder scheint ihr Werk womöglich auch etwas einzubüßen? Keineswegs, ganz im Gegenteil, es ist nicht leichter, sondern komplexer geworden und eingebüßt hat es nichts, eher dazu gewonnen. Bei der Betrachtung ihrer Arbeiten geschieht eine Art Rückkopplung:

Mit dem Wissen der jederzeit abrufbaren Google-Bilder blickt man anders auf die Zeichnungen und Collagen der Künstlerin. Die Abstraktion der Erdansicht und die künstlerische Übertragung in eine subjektive, zeichnerische Sprache, lassen neben  einer Lesart wie „leicht, duftig, verletzlich oder ephemer“ auch andere Assoziationen zu.

Lässt man sich auf die Arbeitsweise von Johanna Helbling-Felix ein, so erschließt sich in der referentiellen Rückführung auf die Ausgangsebene der Arbeiten, nämlich die authentische Sicht auf die Erdoberfläche, eine neue Dimension der Wahrnehmung. Fast kann man sagen, dass die Dynamik und Dramatik, die Gerüche und Geräusche auf dem Erdboden in ihren Arbeiten sichtbar und spürbar werden.

Sie fotografiert als Zeichnerin. Was wir unten als Wald, zwei Bergrücken, ein Flusstal oder eine Schnellstraße klar definieren, zeigen sich von oben als relativ fremde Formen. Bezogen auf die Kunst von JHF, heißt das: die Formen auf der Erde, die in sich schon Abstraktion tragen, bekommen von Johanna Helbling-Felix ein Eigenleben verliehen, und werden zu Äquivalenten ihrer physischen Erinnerung an ihre Flüge. Sie extrahiert geologische und zivilisatorische Formen und Spuren und modifiziert sie zu autonomen Bildelementen, mit denen sie Erinnerungstableaus erstellt. In ihren Zeichnungen wird Landschaft in rhythmisierte Linien, in changierende Farbfelder und freie Formen übersetzt: Sie schöpft aus ihrem Fundus von abstrakten, freien Linien und floralen, amorphen oder zellbiologisch anmutenden Formenelementen.

Die bizarren Formen sind in ihrer zum Teil drei-dimensionalen Anmutung fremd und besitzen eine große Selbstverständlichkeit und Kraft. Sie korrespondieren auf der Bildebene sie ergänzen sich, grenzen oder stoßen sich ab.

Ich möchte noch kurz auf die große, linke Arbeit mit dem Titel Flug des Rheins von 2010 und auf die aktuelle Werkgruppe Heimflug aus diesem Jahr eingehen.

Der Titel Flug des Rheins irritiert: Wie soll ein Fluss fliegen? Aber der Titel zeigt die Denkweise der Künstlerin: Ihr Impuls, ihre körperliche Erinnerung an das Fliegen mit künstlerischen, bildnerischen Mitteln Form zu geben, erlaubt ihr, die gesehenen und fotografierten Formen aus ihrem  Zusammenhang zu nehmen und sie zu Akteuren auf der Bildbühne werden zu lassen: So entsteht ein
fliegender Fluss.

Durch widerspenstigen, stockenden, Haken schlagenden Strich begrenzt, mäandern hellgraue und weiße Bahnen wie Schlangen über gelb-grüne Schraffurflächen über die Bildfläche. Strenge, geometrische Formen, organische, pflanzenähnliche Kapseln und Schleifen überlagern kreuzschraffierte, ocker- und grüntonige Flächen. Das große Blatt scheint durchlässig zu werden und eine Art Transparenz zu erlangen. Links durchstößt ein dunkelgraues breites Band das Format. Es kommt einem Tanz unterschiedlicher Charaktere gleich.

Wie oben beschrieben kommen neben den harmonisierenden Assoziationen jene von Tragik, Dramatik vielleicht auch Aggression hinzu. Zumindest ist eine gewaltige Dynamik zu spüren. Fast wie um eine geologische Formation aufzubauen, trägt sie, um kurz auf ihre Technik zu kommen – mehrere, einen Tiefenraum definierende Schraffurschichten auf, genauer sie reibt eine bereits aufgetragene Schicht wieder teilweise aus, um eine weitere, in ihrer Transparenz einer dünnen Erd- oder Sandschicht gleich, darüber zu legen. Oft sind es Details, die - Eyecatchern gleich -, der Auslöser für eine Fotografie während des Überfliegens sind. Manchmal muss ihr Mann nochmals über die ein oder andere Landschaft fliegen, um gut aufnehmen zu können. Für JHF hat die Fotografie die Funktion einer Zwischenablage ihrer Erinnerung.

Fotografieren ist von Apparaten abhängig. Emotionen und Verfassung des Fotografen oder der Fotografin spiegeln sich in ihr kaum wider.Die Handzeichnung dagegen führt hinein in das Denken der Künstlerin, in das Imaginieren dessen, was die Auseinander-setzung mit Gesehenem, Gedachtem und Empfundenem in Bewegung setzt. Die Zeichnung ist nicht ein Verweis auf „so ist es gewesen“ wie die Fotografie, sondern darauf, dass „ ein Zeichen gefunden“ wurde für etwas.

Hat JHF früher Fotografien in Triptychen oder Bildpaaren nahtlos mit ihren Zeichnungen kombiniert, so schneidet sie für den aktuellen Werkzyklus „Heimflug“ diese Details direkt aus den Fotografien heraus und collagiert sie in traditioneller Klebetechnik: Fotografiefragmente auf Zeichnung oder Zeichnungsausschnitte und Wetterkartenmaterial auf Fotografie. Auch das ist ein Arbeiten in Schichten.

Für JHF ist die Zeichnung ihre persönlichste und wichtigste Ausdrucksmethode. In den neuesten Arbeiten bringen die Fotografieausschnitte eine neue Fremdheit und somit auch künstlerische Neuartigkeit in ihr Werk: Die Künstlerin spielt mit Kontrastreichtum, Starkfarbigkeit und scharfen Kanten.

JHF bezeichnet ihre Arbeitsweise als „halbgesteuert“. Ich hoffe, ich habe zu einem gut gesteuerten Flug durch die Ausstellung etwas beigetragen und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.
 


Simone Demandt
Auszug aus der Einführung zur Ausstellung SWR Baden-Baden, Oktober 2008.

Johanna Helbling-Felix ist Überfliegerin. 1967 machte sie ihren Segelflugschein und ist seitdem in der Luft, wann immer es möglich ist. Allerdings lässt sie sich fliegen – von ihrem Mann Werner Felix in einem blau-gelben Motorflugzeug der Marke Piper-Cup. Das sind die kleinen Flugzeuge, die von unten mit ihren abgerundeten Flügelenden wie Spielzeugflieger aussehen und so knattern.

Sie ahnen aber sehen es vielleicht noch nicht: Johanna Helbling-Felix `künstlerisches Thema ist die Landschaft. Sie betrachtet sie nicht aus der Sicht des fotografierenden Wanderers oder des wandernden Fotografen. Sie blickt aus einer Höhe von bis zu 1000 Metern konzentriert – mit Kamera und Skizzenblick ausgerüstet – auf Deutschland, Dänemark, Schweden, Südengland und hat 2004 während eines Stipendiums in Sydney auch die starkfarbige Erdoberfläche Australiens skizziert und fotografiert.

So füllt die Künstlerin beim Überflug zeichnend und fotografierend ihre visuellen Speicher mit eigenwilligen, uralten geologischen Spuren und Formen, Vegetationsstrukturen und den zivilisatorischen Einschreibungen von Straßen, Nutzflächen, Abbauarealen, Industrie- und Militäranlagen.

Die Fotografie ist aber im Gegensatz zur Zeichnung keine unmittelbare Methode des künstlerischen Ausdrucks. Das Fotografieren ist ein bedingter, apparativer Umgang mit Wahrnehmung. Es ist eben eine Kamera zwischengeschaltet.

Die Handzeichnung dagegen ist das elementarste bildnerische Ausdrucksmittel. Sie ermöglicht dem Künstler oder der Künstlerin das „Denken mit der Hand". Den Betrachter führt sie hinein in das künstlerische Denken in das Imaginieren dessen, was die Konfrontation bzw. Auseinandersetzung mit dem Erlebten, Gedachten und Empfundenen in Bewegung gesetzt hat. Die Zeichnung ist nicht ein Verweis auf „so ist es gewesen (inzwischen im digitalen Fotozeitalter vielleicht : so kann es gewesen sein)" wie die Fotografie, sondern ein Verweis auf „es wurde für etwas ein Zeichen ge- bzw. erfunden" und sie bringt die Verfasstheit des Künstlers, der Künstlerin ins Werk, was die Fotografie in dem Maße nicht kann. Und genau da setzt das Werk von Johanna Helbling-Felix an.

Sie fotografiert und zeichnet zwar in kleinen Skizzen die Segmente der Erdoberfläche, vieles merkt sie sich auch, aber was für die Künstlerin viel entscheidender ist, ist das visuell Erlebte nicht nur in relativer Geschwindigkeit, im wahrsten Sinne des Wortes „im Flug" zu notieren, sondern sie möchte durch das Zeichnen im Atelier, ein gestisches und haptisches Erlebnis hinzugewinnen, hinzufügen und vor allem eine körperliche Erinnerung an den durchflogenen Luftraum wieder beleben und ihr eine Form geben, eine ganz persönliche. So entstehen während des Prozesses des immer wiederkehrenden Rekapitulierens erst Blätter in den Formaten 21. x 30 cm und in Folge schließlich großformatige Zeichnungen, in denen Erinnerung und Assoziation zusammenfließen.

Die Zeichnung ist also der wesentliche Bestandteil der künstlerischen Arbeit von Johanna Helbling-Felix. Die Fotografie ist für sie eine Methode, die geographischen und zivilisatorischen Phänomene auf der Erdoberfläche festzuhalten – mehr erst einmal nicht. Dennoch zeigen die einzigartigen Aufnahmen auf beeindruckende Weise mal die verletzte, schrundige, oder dünnhäutige, im schrägen Sonnenlicht sinnlich anmutende oder die gegliederte, von ihren Bewohnern mit Gegenständen bepackten Erdoberfläche.

Zwar gibt Johanna Helbling-Felix in ihren Titeln Hinweise auf die der Zeichnung zugrunde liegende Erdansicht, aber es kommt ihr -wie schon gesagt- nicht auf eine 1:1 - Wiedergabe des Gesehenen an. Dennoch können die Titel ihrer Werkzyklen nur die einer Fliegerin sein. Die Werkgruppen aus dem Zeitraum 1995 bis 2003 tragen Titel wie „Grenzflug", „Mitternachtstag", „Gezeiten", „Wasserräume" oder „Landefelder".

Werkgruppen nach ihrem Stipendium am College of the Arts der Universität von Sydney 2004 sind betitelt mit „Desertsound", „Desertflight", „airscape" oder „Katoomba „, nach einem Ortsnamen in den Blue Mountains. Im Jahr 2004 wird durch den Australienaufenthalt ohnehin ein Akzent im Schaffen von Johanna Helbling-Felix gesetzt. Das können sie beim aufmerksamen Durchwandern der Stockwerke unschwer erkennen: In ihre bislang „europäische" Farbpalette der Grün- und Gelbtöne, der Erdfarben und des Graphits vor 2004 drängen nun mit großer Macht Rottöne, magentastichige Weißflächen, lichtdurchflutetes Blau und Violett.

Fast wie um eine geologische Formation aufzubauen, trägt sie mit verschiedenen Kreiden und Farbstiften mehrere, einen Tiefenraum definierende Schraffurschichten auf, reibt eine bereits aufgetragene Schicht wieder teilweise aus, um eine weitere, in ihrer Transparenz einer dünnen Erd- oder Sandschicht ähnlich, darüberzulegen.

Und in den neuesten Arbeiten von 2008 ist nicht nur die Erdoberfläche bildfüllender Gegenstand, sondern der Raum zwischen Flugzeug und Erdoberfläche wird durch Wolkenformationen definiert, die sich wie durchstoßene Schleier über das Bild ziehen und lediglich durch die Löcher die Sicht auf feine Linien und Flächenkombinationen freigeben. Diese Arbeiten tragen auch die schönen Titel wie „Stratus", „Cumulonimbus", „Altocumulus" und „Flug der Schatten".

Auf einem Blatt „unterwandert" z.B. eine fest konturierte Form grobe, vibrierende Graphit-Linienbündel, auf einem anderen lehnt sich an ein rotbraunes Trapez ein dunkelgraues, schmales Dreieck und beide und das gesamt Blatt werden von einer feinen Maschenstruktur überzogen. Polygone Formen verketten sich zu Körpern, werden von mäandernden Liniensträngen flankiert. Ein gigantisches „Windrad" durchpflügt Rot und auf einem massiven stumpfen Körper liegt ein weißes zartes Gespinst eines auf der Spitze tanzenden Kegels. Der Interpretation dieser Bilder sind kaum Schranken gesetzt.

Ihre Zeichnungen versteht Johanna Helbling-Felix als Auslegungen und Poetisierung einer außerordentlichen Sicht und Erfahrung. Das Schweben im „grenzenlosen Raum" ermöglicht diese Poetisierung aus einer Gelassenheit heraus, die sich für sie, wie sie sagt, nur im Flugzeug einstellt. Es ist die Distanz zum alltäglichen Konfusen und zur „atemberaubenden" Geschäftigkeit auf der Erde.



 

Dr. phil. Jessica Beebone
Auszug aus der Einführung zur Ausstellung
Zeichnung-Fotografie – Mai 2000 – Altes Kapuzinerkloster Haslach

Ich bin unterwegs, arbeite, denke nach, versuche mich zu konzentrieren, schreibe diesen Text, an einem fremden Schreibtisch sitzend – dem Arbeitsplatz eines Architekten. Die Spuren seines Handwerks sind deutlich auf der Tischplatte ablesbar: in den Löchern der Reißbrettnägel, in den zahllosen Vertiefungen, die Lineal und Schneidemesser hinterlassen haben. Tuschekleckse, handgekritzelte Vermerke und Kaffeetassenränder bedecken die Fläche und verfärben das braune Holz.

Die Gedanken wandern, mein Blick folgt ihnen. Sie finden gut Halt auf diesem Tisch. Fahren in Rillen und Kerben, segeln zwischen kleine Farbteiche. Sie ruhen in Umkreisungen, lassen sich von Flecken aufsaugen und geometrischen Linien umherführen. Zusehends breitet sich unter meinen Augen eine Landschaft aus, in der sich für mich auch Bilder meiner eigenen momentanen Befindlichkeit abzeichnen. Reale Größenverhältnisse und Dimensionen verlieren sich im Spiel mit der vorgestellten Vogelperspektive.

Aber meine Phantasie hat nicht willkürlich von der Realität abgehoben, um mich in poetischen Sphären wiederzufinden, sondern im Alltag etwas zu sehen und zu reflektieren gelernt, das ihr bis vor einigen Wochen in dieser Form nicht aufgefallen und gelungen wäre. Warum?

Weil der Mensch unaufhörlich nach Sinn sucht, lautet eine gängige Feststellung, sobald sich die Gelegenheit bietet und in heutiger Zeit der Informationsstrom moderner Kommunikationstechnologie für einen Moment abgeschaltet ist. Und – weil es Kunstwerke gibt, die sich – bildlich gesprochen – unbeirrt vom „Zustrom" neuer Medien und ihren modischen „Turbulenzen" ins Unterbewusstsein der Wahrnehmung einschleusen. Die Arbeit von Johanna Helbling-Felix gehört zu dieser Kategorie von Werken, die trotz ihrer eigenwilligen Bildsprache das Zutrauen des Betrachters gewinnen, um irgendwann, ganz unerwartet ihre überraschende Wirkung zu entfalten.

Annäherung

Wie ist das zu erklären? Auch wer die Arbeit von J. H-F. bislang nicht kannte und auf den hier ausgestellten Zeichnungen und Fotografien zunächst wenig entdeckt, das sich konkret gegenständlich benennen ließe, findet assoziativ einen Zugang.

Einige Bildzeichen erinnern an biologische Vorgänge, z.B. an Blutplasma unter dem Mikroskop, andere an Elementarformen aus Umwelt oder Technik. Gebilde, die wie Spindeln, Spulen, Zellen, Gefäße aussehen. Unbestimmbar in ihrer realen Größe, könnte man sie vereinfacht unter dem Stichwort „Lebens-Zeichen" aus dem Bereich von Mikro- und Makro-Kosmos subsumieren. Der Eindruck des Kreatürlichen, d.h. phantasievoll gestalteten Wachstums und lebendiger Materie, wird vom Blick auf die Arbeitsweise der Künstlerin bestätigt.

J.H.-F. arbeitet an komplexen Entwicklungsreihen und in Serien. Einzelne Serien bauen aufeinander auf. Sie beginnen bei kleinen Reiseskizzen, die im Atelier über nächst größere Formate weiterentwickelt werden und bislang beim Zyklus wandgroßer Blätter enden. Die parallel entstandenen Luftfotografien kombiniert die Künstlerin seit 1997. Das umfangreiche Gesamtwerk – für das diese Ausstellung einen ausgezeichneten Überblick bietet - gleicht einer künstlerischen Metamorphose. Jedes Bild gehört als ästhetisch selbständiger Teil zu einem übergeordneten Ganzen.

In den Arbeiten von J. H-F. geht es nicht um provokante Fragestellungen, Irritation des Betrachters und darum, Bild-Rätsel zu lösen. Der tragende Rhythmus wiederkehrender Formen und Gestaltungsprinzipien bleibt durch die Phasen der serienmäßigen Veränderung hindurch und vom künstlerischen Medium unabhängig, wahrnehmbar und vermittelt den Eindruck des Dauerhaften und bei zeitlos gültigen Wahrheiten angelangt zu sein.

Tatsachen

Was heißt das für die Bildkonstruktion ? Lässt sich ein solcher Gedanke am Werk von J.H.-F. nachvollziehen? Eine ganze Reihe, der für die Bildgestaltung charakteristischer zeichenhafter Formen sind dem visuellen Gedächtnis und suggestiblen Verstand des Betrachters vertraut. J.H.-F. hat sie aus Natur und Landschaft entnommen und in den Zeichnungen künstlerisch weiterentwickelt. Organische und geometrische Strukturelemente beherrschen den Bildraum. Einfache, geschlossene Rechteck- und Kreisformen teilen ihn auf, legen Begrenzungen fest, überschneiden sich mit losen Linien. Es entstehen Kontraste, Spannungen, Verschränkungen, Zusammenballungen. Eine naturalistische Farbigkeit, den vier Elementen nahestehend, kann Zusammenhänge stellenweise „erden" und verdichten oder aufhellen und lösen, um dem Raum mehr Transparenz zu verleihen.

In den Zeichnungen ist der Weg der Bildentstehung durch den künstlerischen Arbeitsprozess nachvollziehbar. Als Basis jeder Zeichnung trägt die Künstlerin eine malerische Grundierung aus deckender weißer Dispersionsfarbe auf. In diese matte, stoffliche Struktur schreiben sich alle folgenden Eintragungen, Linie und Farbe ein. Das alles geschieht mit Bedacht.

Malerei verhält sich zu Zeichnung, Architektonisches verhält sich zu Organischem. Die Verhaltensregeln bestimmt die Künstlerin. Auftretende Widersprüche gleicht sie aus. Spannung ist erlaubt, Überbrückungen werden gesucht, gekoppelt an einen „Anflug" von Perspektive.

Sichtposition

Über die Arbeit von J. H.-F. zu sprechen, heißt auch übers Fliegen zu sprechen. Seit Ikarus mythologischem Himmelssturz hat die Kunst, unendlich viele Geschichten über Träume und Traumata vom Fliegen und Fallen zu erzählen. Da sind die patentreifen Flugapparate von Leonardo da Vinci und Arnold Böcklin oder die fantastischen Konstruktionen für Flugobjekte des 1940 in Antwerpen geborenen Künstlers Panamarenko, die nicht fliegen. Die russischen Konstruktivisten El Lissitzky und Tatlin entwarfen in den 20er Jahren nicht nur wie ihre europäischen Kollegen Le Corbussier und Mies van der Rohe Himmelsarchitekturen, sondern auch Wolkenbügel und Luftfahrräder. Delaunay, Kandinsky und die moderne Abstraktion verwandeln den Traum vom Fliegen – nach seiner technischen Verwirklichung – zu einer formalen Künstlersprache. 40 Jahre später materialisiert Yves Klein das kosmische Raumgefühl in einer eigenen blauen Farbe. Andy Warhol lässt 1966 mit Helium gefüllte Silberkissen aus Polyester durch den Raum schweben und nicht zu vergessen sind die Folgen eines Flugzeugabsturzes für die Interpretation des Werkes von Joseph Beuys.

Anders bei Johanna Helbling-Felix. „Der Traum vom Fliegen und schwebende Visionen"3
sind nicht das Thema ihrer Kunst. Fliegen ist ein Hobby der Künstlerin, ihr handfestes Werkzeug und Bestandteil ihrer Arbeitsmethode. Seit 15 Jahren begibt sich die aktive Segelfliegerin in luftige Höhe, um die Welt aus der Vogelperspektive zu betrachten. Dort oben sammelt sie sinnliche Landschafts-Eindrücke, betrachtet Natur, wie sie der Mensch in hartnäckiger Kleinarbeit geformt hat und immer weiter verändert.

Nicht immer ist die Sicht klar. Wetter ist das atmosphärische Geschehen, das sich im Luftraum abspielt und in einer einmotorigen Piper 18 deutlich spürbar ist. Das Wetter bestimmt nicht nur den Verlauf eines Fluges, sondern nimmt Einfluss auf die Wahrnehmung. Nebel, Wolken, Sonne bestimmen die Wetterzonen, regieren im Austauschgebiet zwischen warm/kalt, feucht/trocken, schwer/leicht. In das Naturerleben hinein mischen sich unterschiedlichste Empfindungen. Fliegen versetzt Sinne, Geist und Körper in einen Ausnahmezustand.

Die Arbeit von J.H.-F. zu beschreiben, könnte auch bedeuten vom Reisen zu sprechen. Von der Ästhetik des Reisens, von Selbsterfahrung, Sehnsucht und Veränderung. Man sollte davon sprechen wie Künstler überhaupt reisen, mit welcher Motivation, was sie mitbringen, was sie zurücklassen.

Auch für J. H.-F. hängt die Arbeit eng mit der Faszination für unbekannte landschaftliche Regionen zusammen. Das Flugzeug bietet ihr diese Möglichkeit sie kennen zu lernen. Gemeinsam mit ihrem Mann sucht J. H.-F. die Einsamkeit über den Wolken und auch am Boden. Skandinavien gehört zu einem ihrer bevorzugten Reiseziele. Dort gibt es wenig frequentierte Landeplätze, die versteckt in der Natur liegen. Im visuellen Gedächtnis und auf Diafilm abgespeichert, transformiert J. H.F. dieses komplexe Landschafts- und Reiseerleben zeichnerisch, sobald sie Boden unter den Füßen hat. Vor Ort entstehen unter dem Eindruck z.T. außergewöhnlicher Naturereignisse auch die ersten postkartengroßen Skizzen4.

Orientierung

Fotografie versteht J. H.-F. zeichnerisch. Der Fotoapparat ist Mittel, um gesehene, im Landschaftsbild vorhandene graphische Strukturen zu fixieren. Das fotografische Bild kann ebenso isoliert betrachtet werden, wie in Kombination mit anderen Fotografien oder Zeichnungen. Fotografie und Zeichnung stehen gleichberechtigt nebeneinander und weisen formale Affinitäten auf. Der Blickwinkel fällt ausschließlich senkrecht auf die Fläche. Direkt und ohne ein persönliches Empfinden zu schildern, hält die Kamera Landschaftsausschnitte fest. Ein Klärbecken, eine Kiesgrube, ein Stausee. Den Anspruch klassischer Luftbilder erfüllen die Arbeiten trotzdem nicht. Das Auge der Künstlerin sucht nicht nach eindeutigen Dokumentationen oder wissenschaftlichen Erkenntnissen. J. H.-F. wartet auf überraschende Begegnungen und nimmt formale, künstlerisch bedeutungsvolle Besonderheiten auf. Es ist nicht die Fotografie, die Landschaft beschreibt, sondern Landschaft definiert den fotographischen Charakter des Bildes.

Die Berücksichtigung der spezifischen Raumsituationen ist J. H.-F. ein wichtiges Anliegen, wenn sie eine Ausstellung plant und konzipiert. Im Mittelpunkt steht die Verknüpfung unterschiedlicher Betrachterstandpunkte / Betrachtungsmöglichkeiten.

15 großformatige grüne Zeichnungen vertäfeln den „Mönchschor". Es riecht etwas feucht und muffig und Papier muß atmen. Frei beweglich wurde es montiert, das lässt ihm Spielraum, um sich dem Klima anzupassen. Sensibel wie Pflanzen reagieren die Zeichnungen auf den Wechsel des Lichtes, registrieren die Helligkeitswerte mit feinen Farbabstufungen.

Die transparente Farbstruktur der Arbeiten öffnet die Wände, bieten Zugang zu einem geheimnisvollen Garten oder umgeben „unruhige Geister" mit einer durchlässigen Schutzmauer. An welchem irdischen Ort könnte man dem Himmel näher kommen?

Im ehemaligen Speisesaal des Klosters steht eine lange Tafel. Auf den Tischen und in den Fensternischen liegen 206 Reiseskizzen aus dem „Archiv" der Künstlerin. Archive muss man studieren. In einem Archiv lagern historische Dokumente, werden Erinnerungen aufbewahrt. „Die Vergangenheit ist eine Landschaft ...", schreibt Louise Bourgeois.

Die Fotografien auf dem Rasen im Zentrum des Kreuzgangs erlauben eine meditative Begehung. Dem Wetter ausgesetzt vergegenwärtigen die reduzierten Strukturbilder nicht nur Formal die Veränderungen des Lebendigen, sondern den Rhythmus von Werden und Vergehen.

³ -vgl. Jeannot Simmen, Schwerelos, Stuttgart 1992

Das Phänomen der nicht untergehenden Sonne im Polarkreis reflektierte die Künstlerin
   1997 in einem Zyklus „Mitternachtstag".